Wahlkreis Tübingen

Klimawandel beim Bauern? Bio allein ist nicht die Lösung.

 

 

Unsere Terminreihe zum Klimawandel in der Region ging heute zu Ende – mit einem Besuch auf dem Bauernhof der Familie Reutter in Hagelloch. Diesmal waren wieder fast 30 Gäste dabei. Eines war gleich klar: Die Landwirte in der Region haben mit denselben schwierigen Wetter-Bedingungen zu kämpfen wie die Winzer und die Obstbauern. Christian Reutter zeigte uns, dass seine Arbeit noch an einigen anderen Fronten sehr herausfordernd ist.

Beim Hof-Rundgang haben wir viele Pferde gesehen und erst ganz am Schluss ein paar Kühe. Reutters haben die Muttersauen wie auch das Milchvieh längst aufgegeben. Ihr Betrieb ist zu klein und zu stadtnah, um in diesen Bereichen heute noch rentabel arbeiten zu können, erklärte Reutter, da brauche es inzwischen ganz andere Dimensionen. Die Familie setzt stattdessen auf ihre Pferdepension und hat diesen Bereich stark ausgebaut.

Den landwirtschaftlichen Betrieb hat die Familie in den vergangenen Jahren auf Bio umgestellt. „Die Feuerwehr fehlt“, umschrieb Christian Reutter, was der Verzicht auf Chemikalien in der Praxis bedeutet. Vor allem aber ist die Wirtschaftlichkeit drastisch gesunken, erfuhren wir: Die neuen Arbeitsweisen bringen nicht einmal mehr die Hälfte des früheren Ertrags. Was das für einen Betrieb konkret bedeute, würden sich die Wenigsten klarmachen. „Wenn einer bisher zwei Weckle zum Frühstück gegessen hat, wird der dann künftig von knapp einem satt, nur weil das hochwertiger produziert wurde?“

Er thematisierte vom ersten Moment an, dass man die Landwirte mit Natur- und Klimaschutz nicht allein lassen dürfe. Dass das aktuelle Volksbegehren 50 Prozent Bio-Landwirtschaft fordere, findet er schlicht utopisch – weil die Verbraucher einfach gar nicht so viel Bioprodukte kaufen und zu zahlen bereit seien. Schon heute müsse so mancher Landwirt seine mühsam produzierte Bio-Ware zum viel niedrigeren Preis der konventionell produzierten Erzeugnisse verkaufen, um nicht ganz drauf sitzenzubleiben. Die finanziellen Einbußen dabei könnten existenzgefährdend sein. Der Markt sei der Schlüssel – und damit der Verbraucher. „Fragt man Menschen, was sie kaufen wollen, sagen sie ganz oft: bio. Aber wenn man ihnen dann nach dem Einkauf in den Wagen schaut, ist das wenigste wirklich bio“, kritisierte er.

Sehr richtig. Mit ihrem Verhalten entscheiden die Verbraucher jeden Tag mit. Das sollten wir in den Diskussionen auch ansprechen. Heute Morgen haben wir uns über diese Themen noch lange unterhalten. Jede und jeder ist selbst auch Verbraucher, es gab viele engagierte Beiträge.

Für mich steht fest: Die Gesellschaft darf es nicht den Landwirten aufbürden, diese schwierigen und komplexen Themen lösen zu müssen. Man muss die Landwirtschaft unterstützen – von politischer Seite und tatsächlich auch alle Verbraucher, ganz persönlich. Wir alle entscheiden ja jeden Tag, für welche Lebensmittel, welche Anbieter und welche Formen der Lebensmittelproduktion wir unser Geld geben. Es ist sicher nötig, dass wir mit den Initiatoren des Volksbegehrens ihre Forderungen und deren Konsequenzen noch einmal diskutieren.

Klar ist: Wenn landwirtschaftliche Betriebe bei uns im Land wegfallen, weil sie unter verschärften Bedingungen und immer mehr Regularien einfach nicht mehr existieren können, dann ist auch niemandem geholfen.

 

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