News

Gedenkfeier Grafeneck: 75 Jahre Befreiung von Auschwitz

75 Jahre Befreiung von Auschwitz – gestern haben wir an die 1,1 Millionen Menschen gedacht, die von Nationalsozialisten ermordet wurden: Jüdinnen und Juden, Homosexuelle, Katholiken, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung.

Die Gedenkfeier des Landtags von Baden-Württemberg war gestern in Grafeneck. Dort in der Gedenkstätte bei Münsingen hat das NS-Regime im Jahr 1940 zigtausendfach gemordet: 10.654 Menschen mit geistigen und körperlichen Handicaps sind in Grafeneck planmäßig getötet worden. Etwa 300 Gäste waren bei der Gedenkfeier, um daran zu erinnern.

Meine Gedanken waren während der Feier bei einem Menschen, den ich gut kannte und sehr gemocht habe. Auch er sollte damals eigentlich in Grafeneck sterben. Dass er das Vernichtungsprogramm überlebt hat, ist nur seiner mutigen Mutter zu verdanken. Ich habe ihn während meines Zivildiensts betreut: einen Mann mit Down-Syndrom, einen unglaublich herzlichen und liebevollen Menschen. Nur über Musik sind wir uns nie einig gewesen, er war ein großer Freund von Volksmusik. In der Einrichtung für geistig und mehrfach behinderte Menschen, in der ich Zivi war, gab es in den 1990er-Jahren nur ganz vereinzelt Menschen seiner Generation, im Rentenalter. Außer ihm haben nicht viele das NS-Regime überlebt.

Was 1940 in Grafeneck geschehen ist, hat uns der historische Rückblick gestern noch einmal vor Augen geführt. Die Befehle kamen aus Berlin und Stuttgart. Organisiert und umgesetzt wurde das Morden von etwa hundert Menschen direkt in Grafeneck: die Deportation der Opfer in grauen Bussen, Ermordung und Verbrennung, Täuschung der Angehörigen und Vertuschung.

Gestern haben uns Schülerinnen und Schüler von Münsinger Schulen einige Briefe von Verwandten vorgelesen, die reagiert haben auf die Nachricht vom Tod ihres Familienmitglieds. Fassungslos, ungläubig, voller Zweifel. Das eigentlich Unvorstellbare ahnend. Mit einem szenischen Spiel haben wir uns an die dreijährige Gerda erinnert, auch sie war ein Opfer der so genannten „Euthanasie“.

Mich bewegt dieses Kapitel der Geschichte sehr. Diese Gräueltaten sind genau hier bei uns geschehen, sie liegen nun 75 Jahre zurück. Doch in unserer Gesellschaft wird es immer spürbarer und messbarer, dass es das Unmenschliche noch gibt, dass es wieder zunimmt. Umso wichtiger ist es, dass wir uns erinnern. Dass wir auch nicht aufhören, uns zu erinnern. Indem wir erinnern, übernehmen wir Verantwortung für die Zukunft: Wir alle sind dafür verantwortlich, dass so etwas nie, niemals wieder passiert.

Zurück